Entwicklungstrauma


Was ist das? Wie äussert sich das?

 

Hier möchte ich ein kurzes Einblick in das Thema Entwicklungstrauma geben. In diesem Artikel habe ich kein Anspruch auf Vollständigkeit, denn das Thema viel komplexer und vielschichtiger ist als das was ich hier beschreibe. 

 

Entwicklungstrauma ist ein relativ neuer Begriff der meiner Meinung nach viel mehr Aufmerksamkeit verdient hat, weil es meistens uns alle betrifft. Unter Trauma wird oft nur Schocktrauma verstanden, das durch ein oder mehrere plötzliche Ereignisse (wie Krieg, Unfall, Naturkatastrophe etc) entsteht.

 

Entwicklungstrauma entsteht durch kontinuierliche, sich wiederholende negative Erfahrungen in der Kindheit, die nicht zwangsläufig nur mit Gewalt zu tun haben muss, sondern auch mit der Vernachlässigung der Grundbedürfnisse, Bindungsabbrüche, Kontaktlosigkeit oder fehlende emotionale und körperliche Nähe.

 

Unsere Grundbedürfnisse laut NARM (Neuro-Effektives Beziehungsmodel nach Laurence Heller) sind:

Kontakt, Autonomie, Einstimmung, Vertrauen und Liebe/Sexualität. Wenn diese vernachlässigt werden oder wenn wir gar Gewalt oder Missbrauch erfahren, dann erleben wir die Aussenwelt als gefährlich und unzuverlässig. Das hat massive Auswirkungen auf unseren Körper und unser Nervensystem.

 

Die natürliche Körperreaktion auf eine Gefahr ist Kampf/Flucht Reaktion oder Erstarrung. 

Bei der Kampf/Flucht Reaktion spannt sich unser Körper an, der Herzschlag und die Atmung werden beschleunigt, das Nervensystem wird aktiviert und die Lebensenergie zieht sich zurück. Es geht nur ums überleben. 

 

Bei Erstarrung oder wie es auch „Totstellreflex“ gennant wird, ziehen wir uns zurück, sinken in uns zusammen, werden energielos, bewegungslos und apathisch. 

 

Leider bleiben dann diese Reaktionen in einem nicht voll ausgebildeten Nervensystem von einem Kind oder Säugling stecken und auch wenn die reale Gefahr vorüber ist, können wir die Gegenwart nicht mehr objektiv einschätzen und reagieren dann auf verschiedene Lebensereignisse mit Kamp/Flucht Reaktion oder Erstarrung. 

 

Der Kampf, die Flucht oder der Erstarrungsmodus werden chronisch und können zu Verspannungen im Körper, Verzerrungen im Nervensystem und emotionale Dysregulation führen, was unmittelbar unsere Gesundheit (Hormonsystem, Bewegungsapparat, Verdauungssystem), Beziehungen, Stressresistenz und Emotionale Zustand beeinflusst.

 

Oft sind uns diese Vorgänge gar nicht bewusst, den daran ist das autonome Nervensystem (vegetative) beteiligt, zu dem wir kein willkürlichen Zugang haben.

 

Vielleicht hast du dich auch schon oft gewundert dass bestimmte Ereignisse (Reaktionen) sich endlos in deinem Leben wiederholen und obwohl dir das bewusst ist, scheint es dass du kein Einfluss darauf hast? … Oder dass du bewusst die Sehnsucht nach Liebe, Nähe, Intimität, Selbstverwirklichung, erfüllte Sexualität hast und alles dafür tust, aber es klappt irgendwie nicht? 

 

Wenn dein System im defensiven Zustand ist, ist es nicht fähig neue positive Erfahrungen zu machen und vor allem sie aufzunehmen. Oft bleiben die schönen Ereignisse und Begegnungen, die wir im Alltag erleben sogar unbemerkt, weil unsere Organismus die Aussenwelt als gefährlich einstuft und zu viel mit dem Überlebenskampf oder der Flucht  beschäftigt ist. 

 

Einige Merkmale von Entwicklungstrauma:

  • Das Gefühl getrennt und alleine gelassen zu sein
  • Trennung vom Körper
  • Das Gefühl „mit mir stimmt etwas nicht, ich bin defekt“
  • Angstzustände
  • Höhe Emotionale Erregbarkeit und Instabilität (auch in Beziehungen)
  • Schwierigkeiten mit Sexualität
  • Kein Gefühl für Eigene Grenzen und Bedürfnisse
  • Niedriges Selbstwertgefühl und selbstzerstörerische Gedanken uvm.

 

Bedeutung von Bindung und Kontakt.

 

Es gibt eine Hoffnung!

 

Dank Erkenntnissen aus der Polyvagal-Theorie von Dr. Stephen Porges, Bindungstheorie von Bowlby wissen wir, dass Bindung und Kontakt sehr essentiell und sogar existenziell für unsere Entwicklung und Selbstregulation sind. Bindung und Kontakt vermitteln Sicherheit, Geborgenheit, das Gefühl dazu zu gehören. Es unterstützt unsere Selbstregulation und Verbindung zu unserem Körper, unseren Bedürfnissen, zu uns selbst und unsere Umwelt. 

 

Das Nervensystem von einem Säugling oder Kleinkind ist noch nicht ausgebildet, deswegen kann ein Kind sich selber und eigene Zustände nicht wirklich erkennen und regulieren. Es ist auf tiefe emotionale Verbindung mit seinen Eltern angewiesen, denn nur dadurch kann es lernen sich selbst zu regulieren und zu spüren. Sind die Eltern emotional abwesend oder können das Kind nicht angemessen spiegeln, gerät das Nervensystem vom Kind in Dauerstress. 

 

Wie ich vorher schon erwähnt habe, wenn das Nervensystem in Dauerstress ist, ist es nicht fähig neue Erfahrungen in sich aufzunehmen und sich zu regenerieren und entspannen.

 

Moderner traumatherapeutischer Ansatz heisst deswegen bindungsorientiert, weil wir sehr viel Wert auf authentischen Kontakt im Rahmen einer Sitzung legen. Diese Verbindung ermöglicht deinem Nervensystem neue positive Erfahrung von Bindung und Kontakt zu machen und sich zu entspannen. 

 

Was bringt Bindung und Ehrlichen Kontakt:

  • Das führt zur Entspannung des Nervensystems.
  • Bessere emotionale Selbstregulation im Alltag.
  • Gutes Gefühl für eigene Grenzen und Fähigkeit Nähe und Distanz selber zu regulieren
  • Ermöglicht neue positive Kontakt- und Bindungserfahrungen
  • Erlaubt Hilfe und Unterstützung zu akzeptieren
  • Unterstützt Verbindung mit dem eignen Körper, den Gefühlen und den Bedürfnissen 
  • Gibt ein schönes Gefühl, dass jemand wirklich für dich da ist.

 

 

Bedeutung vom Körper.

 

Dein Körper ist der Schlüssel zu Verbundenheit.

 

Viele klassische kognitive Ansätze oder reine Gesprächstherapien, reichen oft nicht aus um ein Zugang zu obergenannten tieferen Mustern in unserem Körper und Nervensystem zu ermöglichen.

 

Trauma ist an der erste Stelle ein körperliches Geschehen. Deswegen einer der Hauptziele in der Traumaberatung, nach meinem Verständnis, ist es dem Körper zu helfen im Hier und Jetzt anzukommen und sich neu zu orientieren. Unsere Körper und Nervensystem leben oft in der Vergangenheit und wiederholen diese alten Ereignisse und Beziehungsmustern in der Gegenwart. Aus eigenen Erfahrung weiss ich dass es sich manchmal sehr ausgangslos anfühlen kann, wenn vieles auf kognitive Ebene verstanden wird, allerdings führt es zu keinen Veränderungen im Alltag.

 

Der Körper braucht neue Erfahrungen von Sicherheit, Ehrlichkeit, Entspannung, Kontakt und positive Bindung. Erst wenn genug von diesen neuen Erfahrungen im Körper und im Nervensystem verankert sind, ist eine Veränderung im außen möglich.

 

 

Literatur- und Resourcenempfehlungen.

 

Dami Charf „Auch alte Wunden können Heilen “

Gopal Norbert Klein „Heilung der Beziehung I und II“

Laurence Heller „NARM Entwicklungstrauma Heilen“

Van der Kolk „Verkörpertes Schrecken“

Bowlby „Bindungstheorie“

Stephen Porges „Polyvagal Theory“

Peter Levine „Sprache ohne Worte“